All the Sex I've ever had

Diese Kleinanzeige im August 2023 im A-Bulletin gab mir den alles entscheidenden Kick, ich meldete mich umgehend bei Eneas zum Casting von "All the Sex I've ever had". Und spürte/wusste sofort : Hier, auf der Bühne des Neumarkt Theaters in Zürich, werde ich mein Outing haben. So kam es auch, dass ich mich am 8. Dezember 2022 vor dem begeisterten Publikum outete: "Jetzt bin ich Heidi, eine Frau die Frauen liebt"

Unter dem Motto "LOVE PLAY FIGHT", das programmatisch für die Spielzeiten des Neumarkt Theaters 2019 bis 2025 unter der Intendanz von  Hayat Erdoğan, Tine Milz und Julia Reichert steht/stand, versuchten die drei erfolgreich "Unbedingtes Theater" zu schaffen, das zum Lieben, Spielen und Streiten verführen will/wollte. Hierzu führten sie drei gleichberechtigte Sparten ein und erklären Theaterinszenierungen wie diskursive Formate gleichermassen zum Hauptprogramm. Die Sparte Playground steht für künstlerische Experimente, theatrale Versuchsanordnungen und spielerische Interventionen. Die Sparte Theater bringt zeitgenössische Stoffe zur Aufführung. Und die Sparte Akademie ist der spielerisch-künstlerischen Wissensvermittlung gewidmet. Mit dieser programmatischen Struktur rückt das neue Team den Auftrag der institutionellen Selbstbefragung ins Zentrum und erweitert das tradierte Theaterverständnis, um mit der Kunstform und Institution Theater zu experimentieren.


 


Aus dem Abendspielzettel:

Eine Geschichte unserer Stadt
Theater Neumarkt, Zürich 2022/23. Die Protagonist*innen der Zürcher Ausgabe heissen Nicoletta Stocker, Heidi Grebe, Werner Baumann und Roger Nydegger. Die älteste Person ist 75, die jüngste 65. Der Startpunkt unserer Geschichte liegt in den späten 40ern und 50ern. Eine Zeit also, in der die Sittenpolizei noch durch Zürichs Strassen auf Streife ging, das Zusammenleben unter einem Dach nur verheirateten Paaren offenstand und gleichgeschlechtliche Liebe geächtet wurde. Heute, nicht mal ein Menschenleben später, zieren Regenbogenflaggen die Strassen Zürichs und wir nehmen mit aller Selbstverständlichkeit zur Kenntnis, dass die Stadtpräsidentin lesbisch ist. Der Abend führt vor Augen, wie stark sich die Welt in unseren Breitengraden verändert hat.
Dass unsere Lebensweise erst einer konservativen Mehrheitsgesellschaft mühselig abgerungen werden musste, geht dabei gerne vergessen.


Das Neumarkt holt mit «All the Sex I’ve Ever Had» vier Menschen
über 65 auf die Bühne, die sich als Zeitzeug*innen und Akteur*innen
dieses Wandels dazu bereit erklärt haben, ihr Persönlichstes preiszugeben: ihr Beziehungsleben, ihre Lieben, ihre intimsten
Geschichten.


Spätestens seit der Frauenbewegung wissen wir, dass das Private politisch ist. Was wir uns trauen, wo uns Scham zurückhält, wie wir mit unserer Lust umgehen und Beziehungen führen, ist nicht ohne das gesellschaftliche Korsett zu denken, in das wir ab der Geburt
hineinwachsen.


Den Anfang an diesem Erzählabend macht Nicoletta Stocker,
die 1947 in einem erzkatholischen Elternhaus in Lugano zur Welt
kam und deren katholischer Hintergrund sie ein Leben lang nicht losliess, bis sie mit siebzig den Befreiungsschlag wagte.
Heidi fand sich im falschen Körper wieder, Werner ist ein Zürcher Pionier im Bereich der erotischen Massage und
Roger, der in Seebach unter rauen Bedingungen
aufwuchs, gibt heute Sensibilisierungskurse zu Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen, und die älteste, Nicolette hat wiederum eine ganz andere Geschichte. Die vier Menschen trauen sich, was hunderte Einwohner*innen dieser Stadt sich nicht getraut haben. Sie betreten
die Bühne und beginnen aus ihrem Beziehungs- und Sexualleben zu
erzählen.

Lets (not) talk about Sex!
Diesem Abend vorausgegangen ist ein breit angelegtes Casting. Das
Neumarkt schrieb Turnvereine, Chöre, Erzählcafés, Sexualberater*innen, Tantramasseur*innen, Laientheater, Senior*innen Organisationen und private Kontakte an, organisierte Treffen, in denen das Theater das Vorhaben vorstellte, um schliesslich festzustellen, dass das Interesse von Ü65-Jährigen am Projekt zwar gross war, nur die an der Teilnahme nicht. Die Reaktion war unisono dieselbe: «Tolles Projekt, das werde ich mir anschauen kommen, aber darüber öffentlich zu sprechen, ist mir zu privat.»
Der grosse Erzählabend «All the Sex I’ve ever had», der bereits um
die Welt getourt war, verschiedene Kulturräume durchquert hatte, zu wild für das «weltoffene Zürich»? Steckt vielleicht doch noch mehr Zwingli in uns, als uns lieb ist? Denn zweifellos kann das Aussprechen, das Reden über Sex und Sexualität – wie mit jedem unausgesprochenen Thema, das an einem Menschen nagt – befreiend und heilsam sein. Auf keinem anderen Thema scheint so viel Druck zu lasten. Kein anderes Thema ist dermassen präsent und zugleich nicht. 


Kaum ein Film ohne Love Story oder eine Werbung, die ihr Produkt nicht als «sexy» verkauft – oder zumindest mit der Verheissung, die neuen Besitzer*innen hierdurch attraktiver zu machen. Und doch sprechen die wenigsten offen aus, ob die gelebte oder nicht-gelebte Sexualität erfüllend ist und was sie sich stattdessen wünschen. So vergeht die Zeit, das Leben, und vielen bleibt verwehrt, was sie mit genügend Mut, es auszusprechen, erleben könnten. Dass es dafür nie zu spät ist, auch das lehrt uns zärtlich und humorvoll dieser Abend.
Der Blick nach vorne


Dass Scham aber doch nicht nur eine Zürcher Spezialität ist, zeigen die Erfahrungen, welche die kanadische Theatergruppe «Mammalian Diving Reflex» mit «All the Sex I’ve Ever Had» seit der Uraufführung 2010 rund um den Globus sammeln durfte. Zwar gibt es Unterschiede zwischen den Regionen, was die Offenheit anbelangt, doch haben sie alle gemein, dass über den «realexistierenden Sex» kaum gesprochen wird. So versteht die kanadische Gruppe das tourende Format in jeder weiteren Stadt aufs Neue als Anstoss für die Einwohner*innen, Hemmungen abzulegen und sich zu trauen über Lust, Sex und Beziehung zu sprechen. Wenn nicht schon auf der grossen Bühne, dann auf dem Nachhauseweg, am Stammtisch oder im Schlafzimmer. Im Blick zurück auf die vergangenen Jahrzehnte liegt der Blick nach vorne. Nicoletta, Heidi, Werner und Roger wuchsen in einer Welt auf, die sich die beiden Ü30-Dramaturg*innen, welche diesen Abendspielzettel verfasst haben, kaum mehr vorstellen können. Das Wissen darum, wie sehr sich unsere Gesellschaft innert eines Menschenlebens verändert hat, lässt Mut schöpfen für die kommenden Jahrzehnte. Wir haben noch viel vor uns. Let’s talk!
(Theater Neumarkt)


Theater Neumarkt: All the Sex I've ever had
Heidi Grebe, Kollaborateurin
Mammalian Diving Reflex